Autor: ek

Potez 75

Potez 75
Mit der Verschärfung des Kalten Krieges in Europa Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts erkannte man auf westlicher Seite klar die deutliche zahlenmäßige und auch teilweise die technische Überlegenheit der sowjetischen Panzerverbände, die in Ostdeutschland konzentriert waren. Besonders in Frankreich wurde man sich bewusst, daß man über kein geeignetes Flugzeug zur Panzerbekämpfung besaß. Nachdem man bei Nord die ersten drahtgelenkten Panzerabwehrraketen SS.10 und die Weiterentwicklung SS.11 erfolgreich erprobt hatte, konnte deren Einsatz nur von den leichten Hubschraubern Sud Aviation SE 3130 Alouette aus erfolgen. Das erkannte auch Henry Potez und beschloß Ende 1952, auf eigene Kosten ein langsam fliegendes Panzerbekämpfungsflugzeug mit Kurzstart- und Kurzlandeeigenschaften (STOL) zu entwickeln. Er beauftragte den Ingenieur J. Delaruelle mit seinem Team, ein solches Flugzeug zu entwerfen.
Potez 75 (Archiv: Eberhard Kranz)
Konstruktionsmerkmale Potez 75
Es entstand der Entwurf eines Mitteldeckers mit zentraler Rumpfgondel, die in ihrem hinteren Teil einen Reihenmotor, der eine Druckschraube antrieb, aufnahm. Das Leitwerk wurde von zwei Leitwerksträgern mit je einem Seitenleitwerk getragen. Oben auf den Seitenleitwerken lag die Höhenflosse auf und verband beide Seitenleitwerke. Die Rumpfgondel verfügte über zwei separate Kabinen. Im Rumpfbug befand sich der Raketenschütze, der ja direkte Sicht zu den zu bekämpfenden Panzern haben mußte, während er seine Panzerabwehrraketen mittels einer Drahtsteuerung ins Ziel lenkte. Seine Kabine war großzügig verglast und ragte wegen der besseren Sicht nach unten über die Rumpfkontur hinaus. Der Pilot der Maschine saß in einem offenen Cockpit, das durch eine Windschutzscheibe geschützt war auf dem Rücken des Rumpfes erhöht hinter der Kabine des Raketenschützen. Das Fahrwerk war nicht einziehbar, die Räder waren in aerodynamischen Verkleidungen untergebracht. Ein festes Fahrwerk hatte man wegen der niedrigen Geschwindigkeit des Flugzeuges und aus Gewichtsgründen, der gesamte Einziehmechanismus und die Hydrauliksysteme entfielen dadurch, gewählt, außerdem war es für die unbefestigten Flugplätze, von denen aus die Potez 75 operieren sollte besser geeignet. Die einholmigen Tragflächen verfügten über einen rechteckigen Grundriß und konnten an jeweils zwei Aufhängepunkten verschiedene Außenlasten, besonders die Kassetten mit den SS.10 Panzerabwehrraketen oder leichte Bomben aufnehmen. Das Flugzeug war in Ganzmetallbauweise ausgeführt, wobei die Rumpfgondel und die Leitwerksträger Halbschalenkonstruktionen waren. Der luftgekühlte Achtzylinder-Reihenmotor, eine Eigenentwicklung der Firma Potez, war direkt hinter dem Brandschott, das die obere Pilotenkabine gegen den Motorbereich abgrenzte und Schütze, eingebaut. Wegen des Einsatzes als langsam und sehr tief fliegendes Flugzeug, das dadurch verstärkt dem Beschuß durch leichte Infanteriewaffen ausgesetzt war, hatte man sich für einen beschußfesteren luftgekühlten Motor entschieden.
Potez 75 (Archiv: Eberhard Kranz)
Erprobung der Potez 75
Ende März 1953 konnte man den Prototyp der Potez 75 aus der Fertigungshalle in Argenteuil rollen und der Bodenerprobung übergeben. Nach Abschluss der Bodentests startete die Maschine am 10. Juni 1953 mit dem zivilen Kennzeichen F-ZWSA zu ihrem Erstflug, der ohne Probleme verlief. Anschließend stellte man die Maschine den französischen Heeresfliegern, Aviation de l?Armee de Terre (ALAT) vor, die sich sehr für die Maschine interessierten, da sie eine wirkliche Alternative zu den sehr beschußempfindlichen Alouette Hubschraubern darstellte, was zu einem offenen Streit mit der französischen Luftwaffengeneralität führte, die den Heeresfliegern nur Hubschrauber zubilligen wollte. Erste Versuche der Panzerbekämpfung mit drahtgelenkten Nord SS.55-10 mit der Potez 75 endeten nicht erfolgreich, die Trefferquote war einfach nicht hoch genug. Gleichzeitig wurden verschiedene Änderungen gefordert, so mußte die Pilotenkabine geschlossen werden und für bessere Langsamflugeigenschaften wollte man zusätzliche Vorflügel.
Außerdem war man zu der Erkenntnis gelangt, das die Potez 75 gegen gegnerische Frontjägerverbände, die mit Maschinen wie MiG 15 oder MiG 17 ausgerüstet waren, völlig chancenlos wäre. Mitte 1954 wurden die Versuche abgeschlossen und die Maschine sollte als ungeeignet an Potez zurückgegeben werden.
Potez 75 (Archiv: Eberhard Kranz)
Potez 75 als Einzelstück im Einsatz
Inzwischen war Frankreich in Algerien in einen erbitterten Kampf gegen die Befreiungsbewegung verwickelt, der Guerillakrieg forderte immer mehr Menschenleben. In dem unzugänglichen Wüstengebieten und den Berggegenden des hohen Atlas wo sich die Ausbildungslager und Rückzugsbasen der FLN (Nationale Befreiungsfront) befanden, war eine erfolgreiche Bekämpfung nur aus der Luft denkbar. Da erinnerte man sich an die Potez 75 und brachte sie unverzüglich nach Algerien. Sie erhielt einen Tarnanstrich und die Kokarden auf Tragflächen und Seitenleitwerke. Eine neue Zulassung als F-WGTK wurde ebenfalls erreicht und ab April 1955 unterstand die Maschine dem Oberkommando der französischen Truppen in Algier. Im Einsatz bewährte sich die Maschine hervorragend, sie war gegen Beschuß ziemlich unempfindlich, robust gegen die Einflüsse eines Wüsteneinsatzes und konnte an ihren Unterflügelstationen verschiedenste Arten von Abwurfmunition und auch ungelenkte Luft-Boden-Raketen mitführen. Dies führte dazu, daß im Mai 1956 Potez einen Auftrag über 15 Maschinen erhielt, der kurze Zeit später um weitere 100 Exemplare aufgestockt wurde. Die binnen kürzester Zeit geliefert werden sollten. Diese Anzahl an Flugzeugen konnte Potez in seiner kleinen Fabrik nicht realisieren. Außerdem hatten sich mittlerweile ziemlich beträchtliche Ermüdungserscheinungen am Prototypen gezeigt, die das offizielle Interesse merklich abkühlen ließen. So wurde bereits am 23. Mai 1957 der gesamte Auftrag storniert. Bis dahin hatte man bei Potez keine Maschine aus dem Auftrag fertig gestellt. Der Prototyp wurde daraufhin im Juni 1957 in Algier eingemottet und bald darauf vergessen. Erst General Redon entdeckte die Maschine wieder, ließ sie einsatzbereit machen und benutzte sie als persönliches Kurierflugzeug und für Verbindungsflüge bis zum 16. September 1958 mit großer Zufriedenheit. An diesem Tag ging sie bei einem Landeunfall zu Bruch und konnte nicht mehr repariert werden.
Potez 75 (Archiv: Eberhard Kranz)
Technische Daten: Potez 75
Verwendung: Panzerjagdflugzeug, Guerilla-Bekämpfungsflugzeug
Triebwerk: ein luftgekühlter Achtzylinder?V-Reihenmotor Potez 8 D.2 mit verstellbarem Dreiblatt-Metallpropeller als Druckschraube wirkend
Startleistung: 450 PS (331 kW)
Dauerleistung: 385 PS (283 kW) in 3.500 m
Besatzung: 2 Mann
Erstflug: 10. Juni 1953
Spannweite: 13,10 m
Länge: 9,15 m
größte Höhe: 2,75 m
Spannweite Höhenflosse: 4,66 m
Spurweite: 3,00 m
Radstand: 3,72 m
Propellerdurchmesser: 2,80 m
Propellerfläche: 6,16 m²
Flügelfläche: 28,70 m²
V-Form: 5,5°
Flügelstreckung: 5,98
Leermasse: 1.780 kg
Startmasse normal: 2.515 kg
Startmasse maximal: 2.865 kg
Tankinhalt: 1.200 Liter
Flächenbelastung: 99,80 kg/m²
Leistungsbelastung: 6,37 kg/PS (8,66 kg/kW)
Höchstgeschwindigkeit in Bodennähe: 276 km/h
Höchstgeschwindigkeit in 3.000 m: 294 km/h
Marschgeschwindigkeit in 2.000 m: 234 km/h
Gipfelhöhe: 8.600 m
Steigleistung: 5,8 m/s
Steigzeit auf 1.000 m: 3 min
Steigzeit auf 3.000 m: 10 min
Reichweite normal: 660 km
Reichweite maximal: 780 km
Flugdauer: 3,5 h
Startstrecke: 290 m
Landestrecke: 320 m
Bewaffnung: ein 12,7 mm Maschinengewehr DEFA mit 480 Schuß, vier 7,7 mm Maschinengewehre FN mit je 1.000 Schuß und acht drahtgelenkte Panzerabwehrraketen Nord SS.55-10
Text: Eberhard Kranz

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