Autor: ek

Nanchang J-12

Nanchang J-12
In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann die chinesische Luftfahrtindustrie, nachdem sie bis dahin nur sowjetische Modelle in Lizenz nachgebaut hatte, mit der Entwicklung von Flugzeugen nach eigenen Entwürfen, die sich noch stark an die in Lizenz gefertigten Modelle anlehnten. Grund dafür war die ständige Verschlechterung der sowjetisch-chinesischen Beziehungen. In der chinesischen Propaganda wurde die Sowjetunion neben den USA zum Hauptfeind der Volksrepublik China gemacht. Gleichzeitig waren die USA und die Sowjetunion in den Vietnamkrieg verwickelt, die USA als aktiver Teilnehmer während die Sowjetunion als Hauptwaffenlieferant für Nordvietnam fungierte. China beobachtete das Kriegsgeschehen sehr aufmerksam und zog seine Schlüsse daraus. Besonders der Luftkrieg über Vietnam führte zu einer neuen Deutung des Geschehens und der Entwicklung einer neuen chinesischen Luftkriegsdoktrin. Die Erkenntnis, daß trotz totaler Luftherrschaft der U.S. Air Force, es den Nordvietnamesen immer wieder gelang, ihre MiG 17 und MiG 21 Jäger, praktisch aus dem Hinterhalt zum Einsatz zu bringen und den Amerikanern damit schmerzhafte Verluste zuzufügen, war für die chinesischen Luftkriegsstrategen eine große Überraschung. Wie wäre die Wirkung erst, wenn man über speziell für derartige Einsätze ein ?Partisanenflugzeug? hätte, das leicht und schnell wäre. Unbefestigte Dschungelplätze mit einem Minimum an notwendiger Peripherie sollten die Einsatzbasen darstellen. Das Flugzeug müsste leicht zu demontieren und nachts bei Gefahr per LKW oder Transporthubschrauber von einer Dschungelbasis zur nächsten transportierbar sein. Ende 1968 wurde dann von der Führung der Luftstreitkräfte die Entwicklung eines solchen ?Partisanenflugzeuges? durch die chinesische Luftfahrtindustrie beschlossen. Forderungen waren gutmütige Flugeigenschaften und einfache Bedienbarkeit durch nur kurz ausgebildete Piloten, Robustheit und leicht zugängliche Aggregate, wartungsfreundlicher Aufbau, damit auch wenig geschultes Personal dafür verwendet werden kann, Überschallgeschwindigkeit, um sich schnell dem Luftgegner nähern zu können, geringe Abmaße, absoluter Leichtbau, STOL Eigenschaften, Kanonenbewaffnung und die Möglichkeit der Mitführung von Luft-Luft-Raketen. Von geringer Bedeutung war die Reichweite, da die Maschine nach erfolgtem Einsatz sofort wieder auf ihrem Dschungelflugplatz landen sollte. Als Triebwerk sollte das in Lizenz gefertigte Tumanski RD-9BF-811 mit 3.500 kp Schub verwendet werden. Mitte 1969 begann man im Werk Nanchang mit der Entwicklung des geforderten Jagdflugzeuges. Die Entwicklungsmannschaft unter der Leitung von Chefkonstrukteur Liu Xiang Peng legte in relativ kurzer Zeit den detaillierten Entwurf des als J-12 bezeichneten Leichtjägers vor.
Nanchang J-12 (Archiv: Eberhard Kranz)
Konstruktionsmerkmale der Nanchang J-12
Die Maschine war als Tiefdecker in Ganzmetallschalenbauweise mit zentralem Lufteinlauf im Rumpfbug, Pfeilflügeln und gepfeilten Höhen- und Seitenleitwerk ausgelegt. Das einziehbare Fahrwerk war, durch die geforderte Verwendung von unbefestigten Plätzen aus, sehr robust ausgelegt. Der Rumpf mit ovalem Querschnitt ähnelte dem der MiG 21, die in Nanchang in Lizenz gefertigt wurde. Der zentrale Lufteinlauf verfügte über einen nicht verstellbaren Diffusorkegel, bei späteren Ausführungen wurde dieser weggelassen und der Luftstrom durch einen Einlaufkeil geteilt und seitlich um die Pilotenkabine herumgeführt. Als Triebwerk wurde das in Lizenz unter der Bezeichnung Wogen WR-6 gebaute Tumanski RD-9BF-811, ein Einwellentriebwerk mit neunstufigen Axialverdichter und Ringbrennkammer, das ohne Nachbrenner 3.000 kp (25,5 kN) Schub abgab, verwendet. Mit angebautem Nachbrenner stieg die Leistung auf 3.454 kp (33,88 kN). Die drei Kraftstofftanks, zwei direkt hinter der Kabine und einer im Rupfheck unter dem Triebwerk mit einem Gesamtvolumen von 2.170 Liter (1.800 kg) erlaubten eine Reichweite von 688 km oder einen maximalen Aktionsradius von 405 km, was als ausreichend angesehen wurde. Das Triebwerk hatte drei Leistungsstufen: Stufe 1 mit Nachbrenner: Drehzahl 11.150 U/min, maximale Einsatzzeit unter 6.000 m Höhe 6 min, über 6.000 m 10 min. Stufe 2 nominale Leistungsstufe: Drehzahl 9.000 U/min Einsatzzeit unbegrenzt. Stufe 3 maximale Drosselung: Drehzahl 4.100 U/min maximale Einsatzzeit 10 min. Durch diese Leistungsstufen sollte ein Überhitzen des Triebwerkes und mit möglichen Triebwerksbrand vermieden werden, da das Tumanski RD-9 als sehr ?brennfreudig? galt. Die Triebwerksaggregate wie Kraftstoff- und Hydraulikpumpen, Ölschleuder, Startergenerator, Hauptgenerator werden von der Rotorwelle des Verdichters angetrieben. Die Maschine verfügte über ein hydraulisches Hauptsystem, das sämtliche Ruderfunktionen, Brems- und Landeklappen, Fahrwerkbewegungen und das Bremssystem des Fahrwerks betätigte. Im Falle einer Nichtfunktion hatte die J-12 ein pneumatisches Notsystem, das dann die Funktionen übernahm. Die Steuerung erfolgte mittels hydraulischer Kraftverstärker (Booster). Die Kabine war als Druckkabine ausgelegt, die Frischluft lieferte der Kompressor des Triebwerks. Die Kabinenhaube ist nach hinten verschiebbar und wurde in Notfällen abgesprengt, wenn der raketengetriebene Schleudersitz benutzt werden musste. Die Bordspannung betrug 27 Volt Gleichstrom, für verschiedene Aggregate war aber auch eine Wechselspannung von 115 Volt 400 Hertz notwendig, die von Umformern erzeugt wurde. Die Verkleidung des Rumpfes bestand aus verschieden dicken Leichtmetallblechen, wobei auch Titan und im Bereich des Triebwerks Edelstahl verwendet wurde. Das gepfeilte Seitenleitwerk nahm auch den Bremsschirm auf. Unter dem Rumpf war eine Stabilisierungsfläche von ca. 0,60 m² angebracht. Die Tragflächen waren um 38,5 Grad gepfeilt, die vorgezogenen Flügelnasen hatten eine Pfeilung von 40 Grad. In den Flügelwurzeln waren auf der Backbordseite eine 30 mm Kanone, ein Lizenzbau der Nudelman NR 30, mit 40 Schuß und eine 23 mm Kanone (Lizenzbau der Nudelman NR 23) mit 80 Schuß auf der Steuerbordseite eingebaut. Der Tragflügel war dreiteilig aufgebaut, ein durchgehendes Tragflügel-Mittelteil und zwei Außenflügel, die eine V-Stellung von 5 Grad besaßen. In das Tragflügel-Mittelteil wird das Hauptfahrwerk hydraulisch eingefahren. An der Hinterkante des Tragflügels befanden sich die Landeklappen und die Querruder. Auf der Oberseite des Außenflügels ist auf jeder Seite ein Grenzschichtzaun montiert, um die Effektivität der Querruder zu erhöhen und ein Abfließen der Grenzschicht zu den Flügelenden zu verhindern. Unter den Tragflügeln befanden sich je ein Aufhängepunkt für Zusatztanks oder die Raketenbewaffnung. Ein dritter Aufhängepunkt befand sich unter dem Rumpf. Das Fahrwerk ist ölhydraulisch gedämpft und alle Räder wurden pneumatisch gebremst, wobei ein einfaches ABS System zur Anwendung kam, um ein Blockieren zu verhindern. Das Bugrad fuhr nach vorn in den Rumpf ein. Am Federbein war der Landescheinwerfer montiert. Die Reifengröße betrug 500 mm mal 200 mm bei einem Reifendruck von 7 at Überdruck. Das Hauptfahrwerk klappte seitlich Richtung Rumpf ein, die Reifengröße betrug hier 660 mm mal 200 mm bei 10 at Überdruck. Die geforderten Kurzstarteigenschaften erreichte man durch einen Anblasmechanismus der Tragflächen durch zusätzliche Luft, die durch zwei Ansaugschächte an den oberen Seiten des Rumpfes im Rumpf verdichtet wurde und durch die Schubumkehr des Triebwerks.
Nanchang J-12 (Archiv: Eberhard Kranz)
Flugerprobung der Nanchang J-12
Im Herbst 1970 war der erste Prototyp zur Bodenerprobung der Systeme fertig gestellt. Es erfolgten kleinere Umbauten, bevor am 26. Dezember 1970 in Nanchang der Erstflug erfolgreich durchgeführt wurde. Am 10. September 1973 wurde die J-12 der politischen Führung vorgeführt, dabei erklärte man, dass die Leistungsdaten des ?Partisanenflugzeuges? etwas besser als die der J-6 (Lizenzbau der MiG 19), des Standardflugzeuges der chinesischen Jagdfliegerstaffeln, seien und damit die Forderungen erfüllt seien, besonders die Kurzstartfähigkeit auf unbefestigten Pisten. Die Startlänge lag deutlich unter 500 m, bei der Verwendung von Starthilfsraketen bei nur 280 m. Im Juli 1975 erschien eine neue Variante der J-12, ohne zentralen Lufteinlaufkegel und einen zusätzlichen Radarsystem, das über dem Lufteinlauf in einer stromlinienförmigen Verkleidung montiert war. Die Flugerprobung zog sich bis in den Januar 1977 hin, wobei 135 Flüge mit einer Gesamtflugzeit von 61 Stunden und 12 Minuten durchgeführt wurden. Danach baute man eine Kleinserie von sechs Maschinen für die Truppenerprobung. Inzwischen hatte die chinesische Luftwaffenführung aber erkannt, daß die J-12 mit ihrer einfachen Bewaffnung und den mäßigen Leistungen gegen die neuen Flugzeuge der zukünftigen Gegner, wie F-4E, die F-111, die MiG -23, die MiG-27, die Su-24 oder den Tornado in keiner Weise gewachsen war. Deshalb beendete man das Thema Partisanenflugzeug J-12 1977 endgültig. Die gebauten zehn Maschinen kamen zu verschiedenen Einheiten als Anschauungsobjekte oder in verschiedene Museen. Was blieb; die J-12 war die erste eigenständige Entwicklung eines Jagdflugzeuges durch die chinesische Luftfahrtindustrie und die dabei gesammelten Erfahrungen beeinflussten alle später entwickelten chinesischen Jagdflugzeuge.
Nanchang J-12 (Archiv: Eberhard Kranz)
Technische Daten: Nanchang J-12
Verwendung: leichtes Jagdflugzeug
Land: China
Triebwerk: ein Strahltriebwerk Wopen WR-6 (Lizenzbau Tumanski RD-9BF-811) ?Viper 101? als Einwellentriebwerk mit neunstufigem Axialverdichter und einstufiger Turbine
Startleistung: 3.000 kp (29,43 kN)
Dauerleistung: 2.680 kp (26,29 kN) in 6.500 m
Mit Nachbrenner: 3.454 kp (33,88 kN)
Baujahr: 1970
Besatzung: 1 Mann
Erstflug: 26. Dezember 1970
Spannweite: 7,20 m
Länge: 10,30 m
größte Höhe: 3,73 m
Spannweite Höhenleitwerk: 3,56 m
größte Flügeltiefe: 3,40 m
Spurweite: 2,68 m
Radstand: 3,48 m
Flügelfläche: 16,40 m²
Pfeilung : 38,5° (40° an der Flügelwurzel)
V-Form : 5° (Außenflügel)
Flügelstreckung: 3,16
Massen: TBD
Leermasse: 3.172 kg
Startmasse normal: 4.530 kg
Startmasse maximal: 5.260 kg
Tankinhalt: 2.170 Liter
Flächenbelastung: 320,73 kg/m²
Leistungsbelastung ohne Nachbrenner: 1,75 kg/kp
Leistungsbelastung mit Nachbrenner: 1,52 kg/kp
Leistungen: TBD
Höchstgeschwindigkeit in Bodennähe: 1.080 km/h
Höchstgeschwindigkeit in 6.500 m: 1.320 km/h
Marschgeschwindigkeit in 6.500 m: 1.090 km/h
Landegeschwindigkeit: 205 km/h
Gipfelhöhe: 16.870 m
Steigleistung: 180 m/s
Steigzeit auf 1.000 m: 6 s
Steigzeit auf 5.000 m: 1,5 min
Steigzeit auf 10.000 m: 4 min
Reichweite normal: 688 km
Reichweite maximal: 1.100 km (mit zwei Zusatztanks a 800 Liter)
Flugdauer: 1,00 h
Startlänge: 450 m
Startlänge mit Starthilfsraketen: 280 m
Bewaffnung: eine 30 mm Maschinenkanone NR-30 (Lizenz Nudelman) mit 40 Schuß Munition und eine 23 mm Maschinenkanone NR-23 (Lizenz Nudelman) mit 80 Schuß Munition, ungelenkte Luft-Luft oder Luft-Boden-Raketen in zwei Containern unter den Tragflächen.
Bombenlast: insgesamt 750 kg an drei Aufhängepunkten.
Eberhard Kranz

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