Autor: ek

Breda Ba. 88 Lince

Breda Ba. 88 Lince
Auch in Italien beschäftigte man sich Anfang und Mitte der 1930iger Jahre intensiv mit dem Luftkrieg der Zukunft. Man übernahm zum größten Teil die Ansichten von Giulio Douhet, die dieser in seinem Buch ?Die Luftherrschaft? dargelegt hatte. Kriegs entscheidend waren danach die Luftstreitkräfte, die über zwei Flugzeugtypen verfügen sollten, einen Luftkreuzer, ein schwer bewaffnetes Bombenflugzeug und ein zweimotoriges schweres Universalflugzeug, das als Kavallerie der Luft als Jäger, Aufklärer und Erdkämpfer zu verwenden sein sollte. Auf Forderung von Luftmarschall Italo Balbo sollte unter anderem die Società Italiana Ernesto Breda ein solches Flugzeug für die Regia Aeronautica entwickeln. Übrigens hat Breda 1937 auch einen Luftkreuzer, die Ba.82 entwickelt, wovon aber nur ein Prototyp gebaut wurde. Anfang 1935 wurden Antonio Parano und Giuseppe Panzeri mit der Ausarbeitung des entsprechenden Entwurfs beauftragt.
Breda Ba. 88 Lince (Archiv: Eberhard Kranz)
Entwurfsarbeiten an der Breda Ba. 88 Lince
Sie entwarfen einen modernen, aerodynamisch gut durchgebildeten, freitragenden zweimotorigen Schulterdecker in Ganzmetallbauweise mit einziehbarem Heckradfahrwerk und Normalleitwerk. Der Entwurf wurde vom italienischen Luftfahrtministerium genehmigt und Breda erhielt den Auftrag einen Prototypen zu bauen, der bis zum 31. Juli 1936 an die Regia Aeronautica zu übergeben war. Die inzwischen als Breda Ba. 88 bezeichnete Maschine sollte der Welt zeigen, daß in Italien die modernsten und schnellsten Flugzeuge der Welt gebaut werden und die Regia Aeronautica die stärkste Luftmacht Europas ist. Ab Mitte 1935 begannen die Konstruktionsarbeiten und im August 1936 konnte der Prototyp mit der militärischen Kennzeichnung MM 302 die Montagehalle in Sesto San Giovanni zur umfangreichen Bodenerprobung verlassen.
Breda Ba. 88 Lince (Archiv: Eberhard Kranz)
Erstflug und Erprobung der Breda Ba. 88 Lince
Am 5. Oktober 1936 startete die Maschine unter der Führung von Breda- Chefpiloten Furio Niclot zum Erstflug, der problemlos verlief. Schon nach wenigen Flügen zeigte sich, daß die Maschine sehr schnell war, allerdings an einer Instabilität um alle Achsen krankte, der man durch verschiedene Änderungen am Leitwerk zu begegnen versuchte. Die Stabilität wurde durch die Anpassungen an dem Leitwerk und deren Steuerflächen verbessert und ab dem Frühjahr 1937 sollte die Maschine eine Reihe von Rekordflügen durchführen. Im April 1937stellte Furio Niclot zwei Langstreckengeschwindigkeits-Weltrekorde auf, einmal über 100 km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 517,32 km/h und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 475,55 km/h über einen geschlossenen 1.000 km Kurs. Im Dezember 1937 verbesserte er die beiden Rekorde auf 554, 21 km/h und 524,4 km/h und damit begann eine unvorstellbarer Propagandarummel um das Wunderflugzeug. Im Triumphzug wurde der Pilot durch ganz Italien gefahren, seitenweise konnte man in den Zeitungen über das Wunderwerk italienischer Flugzeugbaukunst lesen. Ein Handicap für die italienische Propaganda hatte die neue schnelle Maschine: die beiden Motoren, die diese Leistungen erst möglich machten, waren französische Importtriebwerke Gnome Rhone K-14 Mistral Major, da die italienischen Triebwerkhersteller keine so leistungsstarken Motoren anbieten konnten. Piaggio nahm gleichzeitig die Lizenzfertigung des Gnome Rhone 14 K Mistral Major unter der Bezeichnung P XI RC-40 auf, der später vielen italienischen Flugzeugen als Antrieb diente.
Breda Ba. 88 Lince (Archiv: Eberhard Kranz)
Hauptkonstruktionsmerkmale Breda Ba. 88 Lince
Die Ba.88 war ein zweisitziger, zweimotoriger Schulterdecker im Ganzmetallbauweise mit einziehbarem Heckradfahrwerk und Normalleitwerk. Der geräumige, spindelförmige Rumpf mit ovalem Querschnitt war in Schalenbauweise ausgeführt und nahm die zweiköpfige Besatzung auf, wobei der Beobachter und gleichzeitig Funker, den drehbaren Waffenstand auf dem Rumpfrücken bedienen musste. Der Bombenschacht war für die Aufnahme von 1.000 kg Abwurfmunition ausgelegt, während die starre Bewaffnung im Rumpfbug eingebaut war. Die einholmige Tragfläche ging durch den Rumpf und verfügte über eine relativ dickes Profil, dadurch konnten die Tanks in den Tragflächen untergebracht werden. Die beiden luftgekühlten Sternmotoren verfügten über widerstandreduzierende NACA Verkleidungen, im hinteren Teil der Motorengondeln wurde das einziehbare Hauptfahrwerk untergebracht. Das ebenfalls einziehbare Heckrad befand sich im Rumpfheck auf Höhe des Höhenleitwerks. Das Hauptfahrwerk bestand aus je einem Rad, das hydraulisch gefedert war. Die beiden Haupträder wurden hydraulisch gebremst und verfügten über ein enganliegendes Schutzblech, um das Aufwirbeln von Sand und Staub zu vermeiden. Das Höhenleitwerk hatte einen ovalen Grundriß und war mit einer I-Strebe zum Rumpf hin abgestützt.
Breda Ba. 88 Lince (Archiv: Eberhard Kranz)
Die Einführung der Breda Ba. 88 Lince
Die erflogenen Leistungen forderten direkt eine militärische Verwendung, die ja auch die Grundlage der Entwicklung der Ba. 88 bildete. Als Aeroplano di Combattimento, also als Mehrzweckflugzeug, war die Brede Ba. 88 vorerst für die Ausrüstung der 7. Gruppo Combattimento, aus der 76., 86. und 98. Squadriglie bestehend, und der 19. Gruppo Combattimento vorgesehen. Um ein nach hinten freies Schußfeld für den Waffenstand im rückwärtigen Teil der Kabine zu erhalten und gleichzeitig die immer noch vorhandenen Instabilitäten um die Längsachse zu beseitigen, erhielt der Prototyp nun statt des zentralen Seitenleitwerks zwei scheibenförmige Seitenleitwerke etwa auf die Hälfe der Spannweite der Höhenleitwerke gesetzt, die auch noch unter die Höhenflossen reichten. Noch während die Umkonstruktion im Gange war, erhielt Breda einen Bauauftrag über 80 Maschinen und über acht Schulflugzeuge mit Doppelsteuer. Durch die militärische Ausrüstung war die Rüstmasse beträchtlich angestiegen, dies versuchte man durch die Verwendung der leistungsgesteigerten neuen Piaggio XI Triebwerke und durch zusätzliche Gewichtsreduzierung zu kompensieren. Die Leistungen, die mit den ersten ausgelieferten Maschinen erflogen wurden, waren katastrophal, so reduzierte sich die Geschwindigkeit um 30-35 %, die Flugeigenschaften verschlechterten sich stark, Schwingungen traten auf, trotzdem lief die Serienfertigung unverändert weiter.
Breda Ba. 88 Lince (Archiv: Eberhard Kranz)
Kampfeinsatz der Breda Ba. 88 Lince
Ihren ersten Kampfeinsatz hatte die 19. Gruppo am 16. Juni 1940 als zwölf Maschinen einen Tiefangriff auf die militärisch genutzten Flughäfen Korsikas flogen, den sie am 19.Juni wiederholten. Dabei zeigte sich, daß die Ba. 88 militärisch nahezu wertlos waren, die meisten Maschinen hatten wegen technischer Probleme ihre Kampfaufträge nicht erfüllen können. Das Hauptproblem stellten die rasch zum Überhitzen neigenden Triebwerke dar, so daß die Fluggeschwindigkeit für vollbeladene Maschinen auf maximal 300 km/h begrenzt werden mußte, die teilweise nicht eingehalten werden konnte. Am 11. Juni 1940 wurden die 7. Gruppo nach Castelbenito verlegt, um an den Kämpfen um Sidi Barrani und Tobruk in Libyen teilzunehmen. Im Einsatz in Nordafrika waren die Ba. 88 total überfordert, da die an sich schon unzuverlässigen Motoren über keine Sandfilter verfügten, war die Einsatzbereitschaft auf ein Minimum gesunken. Die Leistungen im heißen Wüstenklima lagen teilweise unter 50 Prozent der angegebenen, was Geschwindigkeit und Flughöhe betraf.
Breda Ba. 88 Lince (Archiv: Eberhard Kranz)
Trauriges Ende der Breda Ba. 88 Lince
Mitte November wurde die 7.Gruppo Combattimento aufgelöst, ihre Breda Ba. 88 wurden, nachdem man noch alle verwendbaren Ausrüstungen entfernt hatte, als Attrappen auf den Frontflugplätzen abgestellt. Trotzdem lief die fertig des Musters weiter. Ein zweiter Fertigungsauftrag über 77 weitere Maschinen, davon wurden 19 bei Breda und 48 bei I.M.A.M. hergestellt, wurde noch ausgeliefert. Die Maschinen kamen, ohne im Einsatz gewesen zu sein, direkt auf den Schrottplatz. Insgesamt sind 166 Breda Ba. 88 gebaut worden. 1942 versuchte man, die Breda Ba. 88 zu einem Erdkampfflugzeug zu modifizieren. Dazu erhielt sie einen neuen Tragflügel mit einer auf 17,75 m vergrößerten Spannweite, neue 9-Zylinder Sternmotoren Fiat A.74, Sturzflugbremsen und eine verstärkte Vorwärtsbewaffnung. Die Firma Agusta rüstete drei Maschinen auf diesen Standard um, die die Bezeichnung Ba. 88M erhielten und am 7. September 1943 der 103° Gruppo Autonomo Tuffatori der auf deutscher Seite kämpfenden Aeronautica Nazionale Repubblicana (ANR) in Lonate Pozzola zur Erprobung übergeben wurden. Dort wurden sie auch von deutschen Piloten geflogen und mit den im Einsatz befindlichen Ju 87 D und Focke Wulf Fw 190 G verglichen. Dabei fielen die erzielten Ergebnisse nicht gut aus, so dass keine weiteren Breda 88M gebaut wurden. Die Breda Ba. 88 erwies sich als eine der größten Kampfflugzeug-Fehlentwicklungen des zweiten Weltkrieges.
Breda Ba. 88 Lince (Archiv: Eberhard Kranz)
Technische Daten: Breda Ba. 88
Land: Italien
Verwendung: Jagdbomber, Aufklärer
Triebwerk: zwei luftgekühlte 14-Zylinder-Sternmotoren Piaggio P.XI RC-40 mit verstellbaren Dreiblatt-Metallpropellern Breda
Startleistung: 1.030 PS (757,4 kW)
Dauerleistung: 855 PS (628,7 kW) in 4.500 m
Besatzung: zwei Mann
Erstflug: Oktober 1936 (5. Oktober 1936 nicht bestätigt)
Spannweite: 15,60 m
Länge: 10,79 m
Höhe: 3,10 m
Spannweite Höhenflosse: 5,83 m
Abstand der beiden Seitenflossen: 3,00 m
Propellerdurchmesser: 3,05 m
Propellerfläche: 7,31 m²
Spurweite: 4,72 m
Flügelfläche: 33,34 m²
V-Form: 4,5°
Streckung: 7,30
Leermasse: 4.650 kg
Startmasse normal: 6.750 kg
Startmasse maximal: 7.205 kg
Tankinhalt: 960 Liter
Schmierstofftank: 75 Liter
Flächenbelastung: 216,11 kg/m²
Leistungsbelastung: 3,50 kg/PS (4,76 kg/kW)
Höchstgeschwindigkeit in Bodennähe: 478 km/h
Höchstgeschwindigkeit in 4.500 m: 491 km/h
Reisegeschwindigkeit in 4.500 m: 385 km/h
Landegeschwindigkeit: 150 km/h
Gipfelhöhe: 8.000 m
Steigleistung: 9,1 m/s
Steigzeit auf 1.000 m: 2,1 min
Steigzeit auf 4.000 m: 10,5 min
Reichweite normal: 1.650 km
Reichweite maximal: 2.000 km
Flugdauer: 5,5 h
Startstrecke: 565 m
Landestrecke: 610 m
Bewaffnung: drei 12,7 mm Maschinengewehre Breda-SAFAT starr im Rumpfbug mit je 750 Schuss ( bei der Ba.88M vier 12,7 mm Maschinengewehre Breda-SAFAT) und ein 7,7 mm Maschinengewehr Breda-SAFAT im Drehturm hinter der Kabine mit 3.000 Schuss.
Bombenlast: 1.000 kg im Bombenschacht oder alternativ drei 200 kg Bomben in Versenkungen unter dem Rumpf.
Text: Eberhard Kranz

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