Autor: ek

Boeing Model 80

Boeing Model 80
Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelte man bei Boeing für seine eigene Luftverkehrsgesellschaft Boeing Air Transport Corporation das Model 80 als Passagier- und Frachtflugzeug. Es war übrigens das erste mehrmotorige Verkehrsflugzeug, das man bei Boeing entwickelt hatte. Die Maschine war ein dreimotoriger Anderthalbdecker, der 12 Passagieren bequem Platz bot, die spätere gestreckte Variante 80A hatte sogar Platz für 18 Fluggäste.
Boeing Model 80 (Archiv: Eberhard Kranz)
Konstruktionsmerkmale Boeing Model 80
Die Maschine war in Gemischtbauweise hergestellt. Der kastenförmige Rumpf war eine geschweißte Stahlrohrkonstruktion, die im vorderen bereich bis zu dem Tragflächen mit Sperrholz verkleidet war, der Rest des Rumpfes war stoffbespannt. Die Tragflächen waren eine dreiholmige Holzkonstruktion, die mit Sperrholz verkleidet war. Die Querruder, die sich nur an den oberen Tragflächen befanden, waren stoffbespannte Holzkonstruktionen. Ober- und Unterflügel wurden durch je ein Paar I-Stiele verspannt. Zusätzlich wurden noch Spanndrähte kreuzweise verwendet. Die beiden Motoren waren auf aus N-Stielen bestehenden Böcken zwischen den Tragflächen aufgestellt und zur oberen Tragfläche hin mit einer I-Strebe abgefangen. Die luftgekühlten Neunzylinder-Sternmotoren Pratt&Whitney Wasp mit einer Startleistung von je 430 PS waren unverkleidet. Nachdem beim Prototyp die Abgase des Stirnmotors durch die Lüftungsöffnungen ins Cockpit gesaugt wurden, was zu Vergiftungserscheinungen bei den Piloten geführt hatte, wurde die Abgasanlage geändert, indem durch ein langes Rohr die Abgase bis auf Höhe der unteren Tragfläche geführt wurden. Das Cockpit war geschlossen und großzügig verglast, was für die damalige Zeit absolut nicht selbstverständlich war und auf den Widerstand der Piloten stieß. Das Leitwerk war ebenfalls eine reine Holzkonstruktion, die mit Sperrholz verkleidet war. Lediglich die Seiten- und die Höhenruder waren stoffbespannt. Das Seitenruder hatte einen Hornausgleich. Das Fahrwerk war ein Heckradfahrwerk, bei dem die Hauptfahrwerksräder über Schutzbleche verfügten, die verhindern sollten, daß beim Rollen auf den unbefestigten Pisten Steine gegen den Rumpf geschleudert werden, die die Bespannung beschädigen könnten. Die Fahrwerksstreben des Hauptfahrwerks trugen auch die Federpakete und die Stoßdämpfer.
Boeing Model 80 (Archiv: Eberhard Kranz)
Die Boeing Model 80 hatte eine zweckmäßig eingerichtete Kabine
Die Passagierkabine des Flugzeuges war schallgedämpft und bot dem Fluggast allen Komfort. So war die Kabinenhöhe mit 1,96 m so ausgelegt, daß auch große Passagiere aufrecht stehen konnten, ohne den Kopf einziehen zu müssen. So hatte jeder Passagier einen bequemen Ledersessel mit Leselampe. Über ihm befand sich eine individuell regelbare Frischluftzufuhr und an der Seitenwand eine regelbarer Warmluftaustritt als Heizung. Die Sessel waren in vier Reihen aufgestellt, auf der rechten Seite des Gangs waren Einzelsessel und links vom Gang Zweiersessel. Der Waschraum verfügte über fließendes kaltes und warmes Wasser, das über einen mit Spiritus geheizten Warmwasserboiler erzeugt wurde.
Erprobung der Boeing Model 80
Ende März 1928 war dann die erste Boeing Model 80 fertig gestellt und begann mit der Bodenerprobung. Sie hatte die zivile Kennung N 7135 erhalten und trug die Werknummer 1030. Am 28. April 1928 startete die Maschine zu ihrem Erstflug, der beinahe zu einer Katastrophe geführt hätte. Während des Fluges löste sich eine nicht richtig gesicherte Mutter der Seitenruderbefestigung, was zum Verklemmen des Ruders führte, so daß die Maschine kaum noch steuerbar war. Testpilot Eddi Allan gelang es aber mit Hilfe des Co-Piloten durch haarsträubende Manöver die Maschine wieder unbeschädigt zu landen. Bei einem der nächsten Flüge verlor man bei einem der zwischen den Tragflügeln auf Böcken stehenden Motor eine ganze Anzahl von Befestigungsmuttern, die sich wegen Schwingungen lösten, so dass man auch hier nur mit größeren Schwierigkeiten und lediglich mit zwei laufenden Motoren wieder zum Flugplatz zurückkehren konnte. Die Ursache des Lösens der Muttern durch die Motorschwingungen wurde dann bald gefunden. Man hatte aus Unwissenheit eine zu große Steigung für die Gewinde gewählt, so dass diese nicht mehr selbsthemmend waren und sich durch entsprechende Schwingungen lösten. Nachdem man diesen Fehler behoben hatte, konnte die weitere Erprobung zügig absolviert werden und am 22. Oktober 1928 erhielt die Boeing Model 80 das offizielle Lufttüchtigkeitszeugnis. Bis dahin hatte man vier Maschinen gebaut, die die zivilen Kennzeichen N-7135 bis N-7138 erhielten. Die Boeing Werknummern waren 1030 bis 1033. Die Maschinen 1030 und 1032 erhielten noch vor der Auslieferung Townendringe. Ihre Bezeichnung lautete nun Boeing Model 80 ?Special?. Am 21. Januar 1931 erhielt diese Ausführung ihre Zertifizierung.
Boeing Model 80A (Archiv: Eberhard Kranz)
Betrieb der Boeing Model 80
Die vier Maschinen wurden im regelmäßigen Liniendienst bei der Boeing Air Transport Corporation eingesetzt und bewährten sich dort gut. Lediglich die Motorleistung wurde als zu gering eingestuft und die Anzahl der Sitzplätze sollte ebenfalls erhöht werden. Bei Boeing entstand daraufhin die Version Model 80A, die nun über drei luftgekühlte Neun-Zylinder Sternmotoren Pratt & Whitney ?Hornet ? mit je 525 PS Startleistung verfügten. Durch eine Verlängerung des Rumpfes um 1,83 m und gleichzeitige geringfügige Verringerung der Abstände konnten sechs weitere Passagiersessel untergebracht werden. Das Model 80A startete am 12. September 1929 zu seinem Erstflug und am 5. Januar 1930 erhielt es seine staatliche Zulassung. Am 18. Januar 1930 wurde dann die erste Maschine an die United Aircraft and Transport Corporation, der Nachfolgerin der Boeing Air Transport Corp. übergeben. Insgesamt erhielt United 10 Maschinen Boeing Model 80A. Diese gingen in die Geschichte der zivilen Luftfahrt ein, weil erstmals weibliche Flugbegleiter an Bord ihren Dienst taten. Männliche Kollegen wurden in Europa schon seit 1919 als Flugbegleiter eingesetzt. In Amerika erstmals 1928 bei der Gesellschaft ?Western Air Express?. Die zehn Maschinen der United (Werknummern 1081 bis 1090) wurden bei Boeing wegen einer zu geringen Längstabilität nochmals umgebaut. Zur Verbesserung hatte man auf die Höhenruderflosse zwei zusätzliche Leitwerksflächen montiert, die mit je zwei Streben zum Rumpf hin abgestützt wurden. Diese geänderten Maschinen erhielten die Bezeichnung Model 80A-1 und wurden bis zum Austausch durch die Boeing Model 247 ab 1934 im regelmäßigen Liniendienst eingesetzt. Eine Maschine wurde als Model 80B-1 gebaut. Sie hatte ein offenes Cockpit und wurde aber bald auf den Standard der Boeing Model 80A-1 umgerüstet.
Eine Maschine, die Werknummer 1082 mit der Kennung NC-224M, hatte ein ganz besonderes Schicksal, nach dem ausscheiden aus dem regulären Liniendienst 1935 übernahm sie die Firma Goodyear als Reklameflugzeug und stationierte sie in Los Angeles, wo sie nachts hell erleuchtet Runden zusammen mit dem Luftschiff ?Europa? über der Stadt flog. Mit beginn des zweiten Weltkrieges gelangte die Maschine dann nach Alaska, wo sie als Transporter flog. Zu diesem Zweck erhielt sie eine große Frachtluke an der rechten Seite. 1942 beförderte man mit der Maschine einen Dampfkessel mit einem Gewicht von 4.983 kg, die größte Einzellast, die man bis dato mit einem Flugzeug transportiert hatte, wobei die maximale Nutzlast der Boeing Model 80A-1 offiziell bei nur 3.208 kg lag.
Boeing Model 80 (Archiv: Eberhard Kranz)
Schicksal der Boeing Model 80
1946 wurde die NC-224M außer Dienst gestellt und auf dem Flughafen von Anchorage abgestellt, wo sie still vor sich hinrostete, bis Mitte der sechziger Jahre einige Luftfahrtenthusiasten die Maschine erwarben und mit großem Aufwand restaurierten. Die Restaurierung zog sich bis in die achtziger Jahre hin. Heute kann man die wunderschöne Maschine im Boeing Museum of Flight in Seattle neben 60 anderen historischen Flugzeugen besichtigen. Insgesamt wurden vom Modell 80 15 Exemplare gebaut, die später alle zu der Version Model 80A-1 mit geändertem Leitwerk und stärkeren Triebwerken Pratt & Whitney ?Hornet? umgerüstet wurden.
Boeing Model 80A (Archiv: Eberhard Kranz)
Technische Daten: Boeing Model 80
Land: USA
Verwendung: Verkehrsflugzeug
Baujahr: 1930
Triebwerk: drei luftgekühlte 9 Zylinder -Sternmotoren Pratt&Whitney ?Hornet? mit festen Zweiblatt-Holzpropellern Modell Curtiss
Startleistung: je 525 PS (386 kW)
Dauerleistung: je 460 PS (338 kW) in 3.000 m
Besatzung: 2 Mann und 1 Stewardess
Passagiere: 18
Erstflug: 28. April 1928
Spannweite obere Tragfläche: 24,38 m
Spannweite untere Tragfläche: 19,45 m
Länge: 17,22 m
größte Höhe: 4,65 m
größte Höhe der Kabine: 1,96 m
größte Breite der Kabine: 2,40 m
Länge der Kabine: 8,22 m
Fenstergröße: 0,55 x 0,45 m
Propellerdurchmesser: 3,20 m
Propellerfläche: 8,04 m²
Spurweite: 7,52 m
Flügelfläche: 113,34 m²
V-Form: Oberflügel +5,5° und 5° Unterflügel
Staffelung: 0,508 m
Streckung: 5,25
Leermasse: 4.820 kg
Startmasse normal: 7.920 kg
Startmasse maximal: 10.510 kg
Tankinhalt: 1.783 Liter
Nutzlast: 3.208 kg
Kraftstoffverbrauch: 471 Liter/h
Flächenbelastung: 92,73 kg/m²
Leistungsbelastung: 6,67 kg/PS (9,07 kg/kW)
Höchstgeschwindigkeit in Bodennähe: 206 km/h
Höchstgeschwindigkeit in 3.000 m: 222 km/h
Reisegeschwindigkeit in 3.000 m: 201 km/h
Landegeschwindigkeit: 110 km/h
Gipfelhöhe: 4.265 m
Gipfelhöhe mit zwei Triebwerken: 2.245 m
Steigleistung: 4,1 m/s
Steigzeit auf 1.000 m: 4,5 min
Steigzeit auf 3.000 m: 18 min
Reichweite normal: 580 km
Reichweite maximal: 740km
Flugdauer: 3,75 h
Startstrecke: 570 m
Landestrecke: 700 m
Text: Eberhard Kranz

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