Autor: ek

Armstrong Whitworth AW.23

Armstrong Whitworth AW.23
Anfang 1936 erschien die Air Ministry Specification C26/31, die die Entwicklung eines Transport- und Bombenflugzeuges forderte, das 24 vollausgerüstete Soldaten oder 2.000 kg Bombenlast transportieren sollte, die Höchstgeschwindigkeit sollte bei über 300 km/h liegen und die Reichweite mit voller Nutzlast mindestens 1.500 km betragen. Diese Maschine war als Ersatz für die seit Ende der zwanziger Jahre im Einsatz befindlichen zweimotorigen Doppeldecker Vickers ?Valentia? vorgesehen. Einsatzgebiete dieser Flugzeuge war das britische Empire, besonders Indien und Afghanistan, aber auch das südliche Afrika. Wegen der dort herrschenden Einsatzbedingungen war ein festes Fahrwerk und die Hochdeckerauslegung gefordert worden. Die Ausschreibung ging an die Firmen Armstrong Whitworth, Bristol, Handley Page und Vickers. Eingereicht wurden folgende Vorschläge, A.W. 23 von Armstrong Whitworth, Typ 130 von Bristol, H.P.52 von Handley Page und Typ 230 von Vickers. Nach Prüfung der Unterlagen wurden je ein Prototyp von der A.W.23, Bristol Typ 130 und Handley Page H.P.52 bestellt. Vickers hatte zwischenzeitlich seinen Entwurf zurückgezogen.
Armstrong Whitworth AW.23 (Archiv: Eberhard Kranz)
Konstruktionsmerkmale der Armstrong Whitworth AW.23
Die Armstrong Whitworth AW.23 wurde unter der Leitung von John Lloyd entwickelt und war ein freitragender zweimotoriger Tiefdecker mit rechteckigem Querschnitt, einziehbarem Heckradfahrwerk und einem zweiteiligem Seitenleitwerk, das auf die Höhenflosse gestellt war. Als Antrieb dienten zwei luftgekühlte 14-Zylinder-Sternmotoren eigener Fertigung Armstrong Siddeley Tiger VI mit je 820 PS Startleistung, die zwei feste hölzerne Vierblattpropeller antrieben. Zur Reduzierung des Luftwiderstands waren die Motoren mit einer NACA Haube verkleidet. Der kastenförmige Rumpf war eine Halbschalen-Ganzmetallkonstruktion. Die geschlossene Kabine bot den beiden Piloten und dem Funker Platz, der Bombenschütze war im Rumpfbug untergebracht, wo er gleichzeitig das im vorderen Drehturm befindliche Maschinengewehr bediente. Der Rumpf bildete den Frachtraum und nahm bei Verwendung als Truppentransporter 24 voll ausgerüstete Soldaten auf. Auf jeder Seite befanden sich sieben trapezförmige und zwei rechteckige Fenster, sowie eine Frachttür von 1,24 m x 1,70 m. Bei der Verwendung als Bombenflugzeug wurden zwei 453 kg Bomben an Aufhängungen unter den Tragflächen nahe dem Rumpf angebracht. Die Tragflächen bestanden aus einer zweiholmigen Ganzmetallkonstruktion mit trapezförmigem Grundriß, der nach hinten zum Rumpf hin aerodynamisch verkleidet auslief. Zwischen dem Triebwerk und dem Rumpf war in jeder Tragfläche ein Tank eingebaut. Die Querruder waren als stoffbespannte Leichtmetallkonstruktionen ausgeführt. Die Höhenleitwerksflosse, ebenfalls eine Ganzmetallkonstruktion befand sich auf halber Rumpfhöhe und war mit je einer I-Strebe nach oben zum Rumpf hin abgestrebt. Die Höhenruder waren stoffbespannt und gingen über die gesamte Länge der Höhenflosse. Die beiden Seitenleitwerksflossen waren etwa in der Mitte der Höhenflossen aufgesetzt und mit einem durchgehenden I-Stiel verbunden. Die stoffbespannten Seitenruder verfügten über feststellbare Trimmklappen. Die Maschine verfügte über zwei Drehtürme Fabrikat Armstrong, einem im Rumpfbug und einen am Rumpfheck. Beide Türme waren um 270 Grad hydraulisch drehbar. Das Hauptfahrwerk war entgegen der Spezifikation hydraulisch einziehbar ausgeführt, um den Luftwiderstand zu reduzieren. Allerdings ragten die Hauptfahrwerksräder im eingezogenen Zustand aus der Kontur hervor, um bei Notlandungen oder Fahrwerkdefekten die Gefahr einer Beschädigung der Tragflächen und der Motorgondeln zu verringern. Die AW.23 war das erste Flugzeug von Armstrong Whitworth mit einem einziehbaren Fahrwerk. Das Spornrad war hydraulisch gedämpft und um 90 Grad schwenkbar.
Armstrong Whitworth AW.23 (Archiv: Eberhard Kranz)
Erprobung und Betrieb des Armstrong Whitworth AW.23
Im Mai 1935 war der Prototyp fertiggestellt und erhielt die militärische Kennung K3585. Nach einer gründlichen Bodenerprobung fand am 4. Juni 1935 der Erstflug statt. Bei der Flugerprobung zeigte sich schnell die Störanfälligkeit der Tiger VI Treibwerke. Hauptursache der Triebwerksausfälle war die mangelhafte Kühlung des hinteren Zylindersterns, auch war die Motorleistung für ein so großes Flugzeug nicht ausreichend. Während der Erprobung tauschte man auch die Tiger VI Triebwerke gegen die verbesserten Tiger VIII Triebwerke aus, die hitzefester waren und über eine höhere Leistung verfügten. Die Bewaffnung mit nur zwei Maschinengewehren wurde als völlig unzureichend kritisiert. Im Wettbewerb gegen die Bristol 130 Bombay hatte die AW.23 keine Chance und nach Beendigung der Vergleichsflüge wurde die Maschine an Armstrong Whitworth Ltd. zurückgegeben. Die wesentlichen konstruktiven Merkmale der AW.23 übernahm John Lloyd bei der Entwicklung des mittleren Bombenflugzeugs AW.38 ?Whitley?, das von 1939 bis 1943 in Serie gebaut wurde und neben der Handley Page ?Hampden? und der Vickers ?Wellington? bis zum Erscheinen der viermotorigen Bombenflugzeuge mit die Hauptlast des Bombenkrieges gegen Deutschland trug. 1939 erwarb Alan Cobhan die AW.23 von Armstrong Whitworth für seine Firma Flight Refuelling Ltd., die sich mit der Problematik der Luftbetankung beschäftigte. Dazu wurde die AW.23 modifiziert und erhielt das zivile Kennzeichen G-AFRX. Ziel der Versuche war es, das Short Empire Flugboot ?Cambria? mit der zivilen Kennzeichnung G-ADUV mittels Schläuchen und Hochdruckpumpen während des Fluges zu betanken. Anfang 1940 wurden die Versuche erfolglos abgebrochen und die AW.23 in Sussex abgestellt. Dort wurde sie am 11. August 1940 bei einem deutschen Luftangriff zerstört.
Armstrong Whitworth AW.23 (Archiv: Eberhard Kranz)
Technische Daten: Armstrong Whitworth AW.23
Land: Grossbritannien
Triebwerk: zwei luftgekühlte 14-Zylinder-Doppel-Sternmotoren Armstrong Siddeley ?Tiger? VIII mit festen Vierblatt-Holz-Propellern
Startleistung: 850 PS (626 kW)
Dauerleistung: 720 PS in 4.000 m (529 kW)
Besatzung: 4 Mann
Transportleistung: bis zu 24 voll ausgerüstete Soldaten
Erstflug: 4. Juni 1935
Spannweite: 28,80 m
Spannweite Höhenflosse: 8,86 m
Länge: 26,40 m
größte Höhe: 6,40 m
Flügelfläche: 121,52 m²
V-Stellung: 2,5°
Spurweite: 7,51 m
Propellerdurchmesser: 3,90 m
Propellerfläche: 11,95 m²
Leermasse: 7.140 kg
Startmasse normal: 10.070 kg
Startmasse maximal: 10.917 kg
Nutzlast als Transporter: 1.900 kg
Kraftstoff: 1.500 Liter
Flächenbelastung: 89,8 kg/m²
Leistungsbelastung: 6,42 kg/PS (8,73 kg/kW)
Höchstgeschwindigkeit in Bodennähe: 255 km/h
Höchstgeschwindigkeit in 4.000 m: 287 km/h
Reisegeschwindigkeit in 3.500m: 250 km/h
Landegeschwindigkeit: 130 km/h
Gipfelhöhe: 6.100 m
Steigleistung: 2,67 m/s
Steigzeit auf 1.000m: 6,5 min
Steigzeit auf 5.000m: 40,0 min
Reichweite mit vollem Tankinhalt und 500 kg Nutzlast: 3.096 km
Reichweite mit 1.500 kg Nutzlast: 1448 km
maximale Flugdauer: 12,5 h
Startstrecke: 940 m
Landestrecke: 1.030 m
Bewaffnung: 2 x 7,7mm Maschinengewehre Lewis mit je 1.600 Schuss
Bombenlast maximal: 907 kg
Text: Eberhard Kranz

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